ND: Der Weg ist das Gemeinschaftliche

Im mexikanischen Chiapas treffen sich Zapatisten mit ihren Unterstützern aus aller Welt: gegen Kapitalismus, Patriarchat und Umweltzerstörung.

Luz Kerkeling, 28.07.2026

Der Weg ist das Ziel: Für die sozialrevolutionäre Basisbewegung um die Zapatistische Armee zur nationalen Befreiung (EZLN) aus dem südmexikanischen Bundesstaat Chiapas gilt das allemal. Seit dem Aufstand zum Neujahr 1994 wird stetig am Aufbau weiterer emanzipatorischer Austausch- und Organisationsprozesse in Mexiko und weltweit gearbeitet.

Für Ende Juli hatte die EZLN im Rahmen der Aktionskonferenzen »Resignieren oder sich Organisieren« zum Semillero [dt.: Saatfeld-Seminar] mit dem Titel »Krieg gegen die Menschheit – die Bevölkerungen und die Natur unter Belagerung« in die Universität der Erde (Cideci) nach San Cristóbal eingeladen.

Buntes Treiben in aller Herzlichkeit

Katja aus Leipzig, Aktivistin vom Ya-Basta-Netz, beschreibt die Atmosphäre so: »Im Tagungsort Cideci empfing uns eine herzliche Stimmung. Überall waren kleine Stände aufgebaut mit so ziemlich allem, was das rebellische Herz begehrt. Im offiziellen Programm gab es zahlreiche Vorträge zu den schwierigen Facetten des Sturms, den wir gerade erleben, wie patriarchale Gewalt, Umweltzerstörung, Kriege, Grenzen, Migration oder die, insbesondere für Mexiko so schmerzliche Thematik des Verschwindenlassens im Kontext von Kartellen und staatlicher Repression. Die Fakten sind niederschmetternd, aber immer wieder wurden Perspektiven aufgezeigt, wie sich Menschen an den verschiedensten Orten organisieren und der zerstörerischen kapitalistischen Bestie ihre Solidarität und Gemeinschaft entgegensetzen.« Das Auditorium war mit rund 1000 Teilnehmer*innen aus 31 Ländern immer gut gefüllt.

Capitán Marcos [früher Subcomandante] von der EZLN erläuterte bei der Eröffnung die Ziele des Treffens: »Uns ruft das Verbrechen schlechthin zusammen, das zum System gewordene Verbrechen […] Der betreffende Verbrecher verfügt über Pflichtverteidiger, Richter, Polizisten, Armeen, Banken, Industrieunternehmen, den Handel, soziale Netzwerke, Medien, Fußball-Weltmeisterschaften, virtuelle Fangruppen, Handelsabkommen, geheime und öffentliche Treffen. Er wird in seinem Streben nach Eroberung und Unterwerfung nicht nachlassen«, erklärte er. Der Krieg des kapitalistischen Systems richte sich nun vor allem gegen die vermeintlich »Überflüssigen«, die Kleinen: »In diesen kleinen [Kämpfen] liegt der Keim des Anderen, des Nicht-Homogenen, des Nicht-Hegemonisierten. Ihre Herausforderung des Systems liegt in ihrer Heterogenität, in ihrem Widerstand. Wir sind dort, wo Zuhören, Reflexion und kritische Haltung präsent sind, vereint durch zwei stets unvollendete, stets erneuerte Ziele: die Erkenntnis und Analyse der Schwachstellen des Systems und die Existenz der Anderen – auf dass sie in ihrem Alltag, fernab von den großen Medien, aus ihren Kämpfen lernen und Erkenntnisse gewinnen.«

Propaganda für einen lebensbejahenden Aktivismus

Akademische – dabei sehr aktivistisch orientierte – Beiträge stellten beispielsweise der antikoloniale Anthropologe Gilberto López y Riva mit dem Thema »Globaler Staatsterrorismus, Militarisierung und Rekolonialisierung der Territorien« oder die Geografin und öko-feministische Aktivistin Iracema Gavilán in ihrem Vortrag »Extraktivismus und Gender-Perspektiven« vor. Körper-Boden-Territorium sei einer der wichtigsten Bereiche des Kampfes. »Die Antwort ist, nicht zu resignieren«, bekräftigte Gavilán. Vica Rule sprach zum Thema »Transvestitische Kraft gegen den kapitalistischen Realismus. Propaganda für einen lebensbejahenden Aktivismus«.

Am letzten Tag gab es eine breite Teilnahme von Frauen und nicht-binären Personen der zapatistischen Basis. Marijose, eine »otroa« (dt. »anderE«, nicht-binäre)-Person, erinnerte an die Geschichte der Unterdrückung: »Als ›Otroas‹ werden wir seit vielen Jahren, ja seit Jahrhunderten, verachtet, diskriminiert, gedemütigt und abgelehnt. Wir werden wie Kriminelle betrachtet. Aber wir «Anderen» existieren seit Anbeginn der Menschheit, wir sind Teil der Natur. Viele Personen wurden ermordet, verschwunden gelassen, aber sie haben nicht alle ausgelöscht, nein. Hier sind wir, hier leisten wir Widerstand, auf dem Land und in der Stadt.«

Gemeinschaftlich gegen die Gewalt des Systems

Aus ihrer Erfahrung als transsexuelle Zapatistin berichtete Mía, dass sie im »Común« Autonomie, Respekt, Freiheit und eine Familie gefunden habe: »Euer Schmerz ist unser Schmerz, eure Wut ist unsere Wut«, erklärte sie und solidarisierte sich mit allen, die unter der Gewalt des Systems gelitten haben.

Erika, zapatistische Basisaktivistin, unterstrich die Kampfbereitschaft der Bewegung: »Wir Zapatistas, Frauen, Männer und andere, haben erkannt, dass es nur einen Weg gibt, auf dem wir uns gegen all das wehren können, was uns das üble kapitalistische System antut – das uns auf unmenschliche Weise tötet, uns zerfleischt, uns verschwinden lässt und uns wie Kriminelle einsperrt. Dieser Weg ist ›el común‹ – das Gemeinschaftliche.«

Eine andere Welt bleibt möglich

Für eine Überraschung, die EZLN-Sprecher Subcomandante Moisés bereits am ersten Tag angekündigt hatte, sorgte der Plan der Zapatistas, dass das nächste große Treffen der Zapatistas im Dezember nicht – wie erwartet – in Chiapas, sondern in Mexiko-Stadt stattfinden soll: »Die Welt im Allgemeinen und Mexiko im Besonderen muss anerkennen, dass es Widerstände und Rebellionen gibt. Dafür ist es notwendig, dass diese Widerstände sichtbar werden. Wir müssen uns kennenlernen, unsere Unterschiede anerkennen und Gemeinsamkeiten in unseren Interessen finden. Uns kennenlernen, um uns gegenseitig zu respektieren. Deshalb geben wir bekannt, dass wir Zapatistas nach Mexiko-Stadt reisen werden.« Ziel sei, zukünftige Treffen und Aktivitäten zu organisieren. Auf das kurze Kommuniqué reagierte das Publikum mit enormem Beifall.

Katja vom Ya-Basta-Netz resümiert über die teils enthusiastische Stimmung auf dem Treffen: »Besonders werden mir auch die langen Pausen zwischen den Vorträgen in Erinnerung bleiben, gefüllt von intensiven Begegnungen mit Menschen, die aus verschiedenen Teilen der Welt gekommen waren, bei denen förmlich greifbar war: Ja, eine andere Welt ist möglich!«

Quelle: https://www.nd-aktuell.de/artikel/1201425.zapatistenkongress-in-mexiko-zapatisten-der-weg-ist-das-gemeinschaftliche.html

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