Die Zapatistische Armee zur nationalen Befreiung trifft sich in Mexiko-Stadt mit den Mütter-Initiativen, die nach ihren verschwundenen Kindern suchen.
Die Nachricht schlug hohe Wellen: Ende November werden 1509 Zapatistas nach Mexiko-Stadt reisen, um sich dort mit möglichst vielen sogenannten madres buscadoras (suchenden Müttern), Angehörigen und Freund*innen der vielen Menschen zu treffen, die Opfer des »Verschwindenlassens« wurden. Die Treffen sind bis Mitte Januar 2027 anberaumt. Selbst nach Regierungszahlen gibt es über 130.000 spurlos Verschwundene im Land. Der Staat hat hier – wie in anderen Bereichen beim Schutz der Menschenrechte – nahezu vollkommen versagt.
»Wir halten dies für ein wichtiges und historisches Ereignis, da es ein direktes Treffen sein wird, bei dem wir den Schmerz und den Kampf der suchenden Mütter teilen können«, blickt Israel Alejandro Mora vom renommierten staatsunabhängigen Menschenrechtszentrum Fray Bartolomé de las Casas aus San Cristóbal gegenüber »nd« voraus. Es handele sich um eine unmittelbare solidarische Annäherung, nicht nur seitens der zapatistischen Gemeinden, sondern auch der Anhänger*innen der »Sechsten Erklärung aus dem Lakandonischen Regenwald« und der Unterzeichner*innen der »Erklärung für das Leben«. Die erste Erklärung aus dem Jahr 2005 ist ein Manifest zum Aufbau basisdemokratischer Selbstverwaltung in allen Gesellschaftssektoren, die zweite befasst sich mit dem Zusammenspiel von Menschheit und Umwelt.
Die unermessliche Qual der Angehörigen
Bereits Anfang Oktober kam es bei einer Informationsveranstaltung der Zapatistischen Befreiungsarmee EZLN mit den suchenden Müttern und Menschenrechtsaktivist*innen zu einer ersten Annäherung. »Es war die Rede davon, dass sich die Zapatistas und die Bewegungen rund um den Zapatismus bei den Müttern entschuldigen möchten, weil sie bisher nicht mehr getan hätten, um sich solidarisch mit ihrem Kampf zu zeigen«, schildert Mora.
Subcomandante Moisés von der EZLN stellte bei der Veranstaltung klar:
»Wir können uns, obwohl die Grausamkeit des kapitalistischen Systems keine Grenzen kennt, keinen größeren Schmerz vorstellen als die Qual der Ungewissheit und den Verdruss, an jedem Tag auf das Erscheinen und die Rückkehr der vermissten Person zu warten, selbst wenn es nur noch Knochenstücke und zerrissene Kleidung sind.«
Von Anfang Dezember bis Mitte Januar 2027 sollen zahlreiche Zusammenkünfte in Mexiko-Stadt sowie rund um die Hauptstadt durchgeführt werden. Diverse soziale Widerstandsbewegungen sollen in diesem Rahmen Platz für einen Austausch finden können. Die oft verschwiegenen und verfälscht dargestellten Bewegungen sollen so deutlich sicht- und hörbar gemacht werden.
»Diese große Mobilisierung durch die EZLN, die seit rund 20 Jahren von Chiapas entfernte Teile Mexikos nicht mehr besucht hat, betrachten nicht wenige kundige Beobachter*innen als eine intelligente Provokation
und transparente Bloßstellung der politisch-ökonomischen Eliten«, so Mora vom Menschenrechtszentrum.
30 Jahre organisierter indigener Widerstand
Einen Vorgeschmack gab es am 12. Oktober. In der herrschenden Geschichtsschreibung gilt das Datum noch immer als »Tag der Entdeckung Amerikas« durch Kolumbus, auch wenn einige Regierungen den Diskurs heutzutage abschwächen und die indigenen präkolumbianischen Kulturen formell folkloristisch preisen. 2026 meldete sich pünktlich zum 30. Jahrestag seiner Gründung der Nationale Indigene Kongress (CNI), in dem die EZLN eine Gruppe von vielen ist, eindrucksvoll zu Wort: »Sie haben uns weder entdeckt noch uns die Zivilisation gebracht. Sie sind in unser Land eingefallen, haben uns ausgeplündert und wollten uns ausrotten. Wir sind nie weggegangen, wir leisten weiterhin Widerstand und kämpfen weiter.«
In der Erklärung wird ein düsteres Gegenwartsszenario beschrieben: »Wir sind der Ansicht, dass der patriarchalische Kapitalismus einen großen Krieg gegen Mutter Erde, das Leben und die Menschheit entfesselt hat – durch die immer brutalere Zerstörung der Natur, unzählige Kriege in allen Teilen der Welt, die Ausbreitung des organisierten Verbrechens in den Gesellschaften, die Ausnutzung von Pandemien und Katastrophen sowie das Verschwinden und die Zwangsversklavung von Abertausenden von Menschen.«
Mexikos Regierung greift nach der indigenen Autonomie
Auch im sozialdemokratisch regierten Mexiko fehlt es nicht an aktuellen Konflikten: Marichuy, Sprecherin des CNI, kritisierte die derzeitige pseudo-demokratische Befragung der indigenen Gemeinschaften als ein aggressives Regierungsmanöver, das eine Einbeziehung simulieren soll: »Sie wollen uns damit ein manipuliertes Gesetz aufzwingen, das darauf abzielt, die Autonomie und die Entscheidungsfindung unserer Gemeinschaften zu kontrollieren. Sie wollen durchsetzen, wie wir unser Land bewirtschaften. Das wollen sie, weil sie wissen, dass wir ihnen im Weg stehen. Aber sie wissen auch, dass sich die indigenen Gemeinschaften das nicht gefallen lassen werden!«
Soziale Kämpfe bestimmen Mexikos Geschichte und Gegenwart. Der CNI wurde als autonomes mexiko-weites Netzwerk 1996 auf Vorschlag der EZLN hin ins Leben gerufen. Selbstverständlich wird der CNI bei den Treffen mit den madres buscadoras präsent sein.
Subcomandante Moisés von der EZLN machte unlängst klar, dass in der heutigen Zeit jeder Kampf für das Leben ein anti-systemischer Kampf sei. Das Oberziel: »Alle Kämpfe und eine Forderung gemeinsam: Wahrheit und Gerechtigkeit für die Vermissten, für die, die nicht da sind!« Bei den Treffen in Mexiko-Stadt wird an der Konkretisierung gearbeitet.
Luz Kerkeling 16.10.2026
QUELLE: https://www.nd-aktuell.de/artikel/1203266.mexiko-zapatisten-schulterschluss-mit-den-suchenden-muettern.html
Zapatistas : Schulterschluss mit den suchenden Müttern
