Im mexikanischen Chiapas treffen sich Zapatistas mit ihren Unterstützer*innen aus aller Welt

Das Auditorium der interdisziplinären »Universität der Erde« (Cideci-UniTierra) in San Cristóbal, Chiapas, Mexiko, war stets bis zum Bersten gefüllt. Über 1100 Gäste aus rund 40 Ländern und über 500 Zapatistas nahmen vom 26. bis 30. Dezember am Semillero »Von Pyramiden, Geschichten, Lieben und, na klar, Abneigungen« teil. »Semillero« bedeutet wörtlich »Saatfeld« und ähnelt dem Begriff »seminario«. Damit sollen die Aussaat und die Pflege widerständischer Ideen sowie der Austausch über rebellische Theorien und Praktiken vorangetrieben werden.
Stärkung der Basisgemeinden
Die Zapatistas beschreiben das weltweit dominierende kapitalistische System als »pyramidal«, in dem wenige Menschen die große Mehrheit manipulieren und sie beherrschen, wovon selbstverständlich nicht nur die Eliten, sondern auch die »Vorarbeiter« auf allen Regierungsebenen, wie die Zapatistas sagen, also die Schergen des politisch-ökonomischen Mittelbaus, profitieren. Auch in ihren eigenen Reihen stellten die Zapatistas in der Vergangenheit einige Tendenzen von Bevormundung und Korruption in ihren Gremien fest, woraufhin sie mit einer nur selten realisierten Selbstkritik ihre basisdemokratischen Konzepte ab 2023 noch einmal vertieften. Die Basisgemeinden verfügen nun über mehr organisatorische Kompetenzen als jemals zuvor.
Subcomandante Moisés, Sprecher der Zapatistischen Befreiungsarmee EZLN, betonte, dass die Zapatistas aufgrund ihrer Erfahrungen – Fehlentwicklungen eingeschlossen – heute an diesem Punkt stehen, weil sie Konzepte erdacht und in die Praxis umgesetzt und bei Bedarf verbessert haben.
Capitán Marcos – früher Subcomandante, noch immer ein wichtiger Analyst und Kommunikator der zapatistischen Bewegung – stellte zu Beginn die Themenkomplexe des Treffens noch einmal vor: »Eine Analyse der Pyramiden und die Handhabung der Geschichtsschreibung im ökonomischen System, die schlechten Regierungen, die Gesetze und die Justizstrukturen, die Widerstandsbewegungen, die Linke und der Progressivismus, die Menschenrechte, der feministische Kampf und die Künste.«
Die Vortragenden waren eingeladen, kritisch zu analysieren und Vorschläge für eine Verbesserung der katastrophalen sozialen und ökologischen Verwerfungen auf dem Planeten Erde einzubringen. Hannes, Medienaktivist aus Zentralamerika, beschreibt gegenüber »nd« die kritische Geschichtsbetrachtung des Ökonomen Carlos Aguirre Rojas wie folgt: »Interessant fand ich die Kritik von Aguirre Rojas an postkolonialistischen und dekolonialen Theorien und den progressiven Regierungen in Lateinamerika. Laut Aguirre Rojas wird die Kolonialmacht als Hauptfeind angesehen und nicht die nationalen Oligarchien und Machteliten. Die dekoloniale Perspektive vergisst den Klassenkampf, alles Schlechte kommt von außerhalb, und die Repression und Unterdrückung indigener Gemeinschaften und emanzipatorischer Bestrebungen durch sogenannte progressive Regierungen wird dabei verschwiegen. Eine interessante Meinung, die viel zum Nachdenken anregt.«
Kritik an den progressiven Regierungen
An den progressiven Regierungen Lateinamerikas wurde kein gutes Haar gelassen, sie seien mitverantwortlich für den Aufstieg der faschistischen Rechten auf dem Kontinent. Eine verfälschte Geschichtsschreibung, wie sie praktiziert wird, so der mexikanische Sozialforscher Raúl Romero, setze die Unterdrückung breiter Bevölkerungssektoren fort.
Auch der Sozialforscher und Aktivist Raúl Zibechi aus Uruguay betonte das Scheitern der vermeintlich »linken« Regierungen, die das autoritäre, neoliberale und technikgläubige »Entwicklungsmodell« weiter fortführten. Allen globalen Katastrophen zum Trotz machte Zibechi in seinem Beitrag jedoch Hoffnung, dass viele soziale Bewegungen selbstkritisch und fähig zu permanenten Verbesserungen ihrer Strategien und ihres Handels seien.
Die Anwältin Bárbara Zamora betonte die schwerwiegenden Auswirkungen der zahlreichen Änderungen der mexikanischen Verfassung. Die Gesetzesänderungen bei den Agrar- und Bergbaugesetzen sowie die Förderung der Auslandsinvestitionen würden missbraucht, um vor allem den indigenen Bevölkerungsgruppen Territorien und Naturressourcen zu rauben. »Es gab Hunderte Reformen, die angeblich Rechte schaffen, aber das eigentliche Ziel haben, mehr Macht auszuüben und Rechte zu eliminieren, die zuvor gegeben waren«, so die Expertin. Abschließend wies sie auf die Notwendigkeit einer neuen Verfassung hin, die sich auf die Menschen und die Freiheiten konzentriert und nicht auf das Privateigentum und seine Ressourcen.
Auch die massive Naturzerstörung und die anhaltenden zahllosen Menschenrechtsverletzungen weltweit wurden bei diesem interdisziplinären Austausch ausführlich problematisiert.
Capitán Marcos erläuterte das Verständnis der Zapatistas von Widerstand in einem seiner zahlreichen Wortbeiträge so: „Wir Zapatistas betrachten die Rebellionen mit dem, was wir als realistische Hoffnung bezeichnen, einer Mischung aus Praxis und Theorie in einem Akt der Subversion. Das bedeutet Kampf, überall und zu jeder Zeit, also im gesamten geografischen Raum und über den gesamten Kalender hinweg, gemeinsam für alle, die ein Projekt verfolgen, das nicht auf einer Staatsgesellschaft basiert, sondern auf sozialen Beziehungen, wobei nun auch die Natur in diese Beziehungen einbezogen wird, es geht um neue, andere, herausfordernde, subversive Beziehungen.“
In seiner abschließenden Rede am 31.12.2025 im Caracol (autonomer Verwaltungssitz) von Oventic unterstrich Subcomandante Moisés die ablehnende Haltung der Zapatistas gegenüber der aktuellen mexikanischen Regierung unter Claudia Sheinbaum. Er nannte sie verlogen, weil sie sich bevölkerungsnah gebe, aber tatsächlich nur im Dienste des Kapitalismus stünde und praktisch nichts gegen die Brutalität im Land unternehme.
Der EZLN-Sprecher erläuterte nochmals ausführlicher das Konzept und den politisch-zivilen Kampf der Zapatistas für das Gemeinschaftliche („el común“), das auf gesellschaftliche Solidarität, echte Demokratie, Freiheit und Gerechtigkeit sowie Respekt für die Umwelt setze. Moisés räumte ein, dass die Zapatistas in dieser neuen Phase ihrer rebellischen Autonomie erst „einige Schritte“ gegangen sind und ihr emanzipatorisches Vorhaben langfristig weiterbringen wollen, wobei auch zunehmend Nicht-Zapatistas einbezogen werden sollen. Hiermit sei keine „Rekrutierung“ gemeint, sondern eine konstruktive solidarische Zusammenarbeit, um schließlich das Eigentum abzuschaffen und „el común“ aufzubauen. Dabei gehe es keinesfalls nur um eine Landverteilung, sondern auch um Selbstverwaltung, autonome Rechtsprechung, Produktion, Medien und vieles Andere. Wieder einmal betonte er, dass die Zapatistas kein fertiges Handbuch hätten und das soziale Bewegungen weltweit ihre eigene Organisierung gemäß ihres Kalenders und ihrer Geographie weiterbringen sollten.
Elena von der EZLN-Solidaritätsbewegung aus Katalonien resümierte: »Das Treffen war sehr intensiv, es gab neben den Vorträgen viel Austausch. Und es wurde ganz klar: Es gibt überall viel zu tun! Wir dürfen nicht nur auf die Zapatistas schauen. Sie sind weiterhin sehr inspirierend und mutmachend, aber wir müssen vor allem unsere eigenen Kämpfe, egal wo, besser und kontinuierlicher organisieren«.
Luz Kerkeling
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Anm.d.A.: Der Artikel erschien in leicht gekürzter Form im nd vom 4.1.2026
